Chaosforschung – über die Ordnung von Unordnung

Ordnung sei das halbe Leben, sagt man. Aber hat sich eigentlich schon einmal jemand gefragt, was mit der anderen Hälfte ist?

In Zeiten perfekter Aufbewahrungssysteme, manischer Selbstoptimierung und Seminaren zum Zeitmanagement ist leidenschaftliche Unordnung ein Tabu. Natürlich sollte es weder in der Wohnung noch im Leben so durcheinanderzugehen, wie unter Hempels berühmtem Sofa. Aber ein gewisses kreatives Chaos kann ein notwendiger und gleichzeitig spannender Gegenpol zur heute vorherrschenden, sterilen Ordnung sein.

Die Chaosforschung hat herausgefunden, dass strukturlose und scheinbar ordnungslose chaotische Dynamiken irgendwann zu völlig neuen Ordnungen und Regelmäßigkeiten führen. Chaos bedeutet daher nicht Zerfall und Sinnlosigkeit, sondern Evolution, Neuordnung, Innovation und Strukturgebung.
Der griechischen Mythologie nach war Chaos der Urzustand des Bestehens. Chaos war die ursprüngliche Leere – eine dunkle, leise, formlose, endlose Eigenartigkeit ohne jegliche Spur von Leben. Aus Sicht der Naturwissenschaft wird von einer Wechselwirkung zwischen Chaos und Ordnung gesprochen.

Gehen wir praktisch vor und schauen uns in der Wohnung um:

Kleinvieh macht nicht immer Mist
Wo echtes Chaos herrscht, da ist alles verloren. Doch absolute Zufälligkeit ist selten. Selbst viele Messis haben lose Ordnungen in ihren Müllbergen. Auch die Chaosforschung befasst sich mit diesem Grenzbereich: Sie forscht dort, wo noch ein Rest an Ordnung herrscht, und findet Regelmäßigkeiten, wo für das bloße Auge Durcheinander herrscht.

Dieser Arbeitsplatz ist ein Paradebeispiel: wild durcheinander, wuselig und voll mit Krimskrams. Bei genauerem Hinsehen sieht man allerdings die fragile Ordnung. Alles ist in kleinen Schubladen, Kästchen oder anderen Behältnissen untergebracht oder hängt am richtigen Platz. Und irgendwie ist das quirlige Gesamtkunstwerk auch eine Augenweide.

Eine Frage der Sichtbarkeit

Offene Küchenregale sind für viele ein Graus; geschlossene, weiße Küchenschränke das einzig gültige Maß von Sauberkeit. Eine Küche wie diese mit offenen Regalen wirkt tatsächlich schnell unaufgeräumt, kann aber dennoch sehr reizvoll sein. Antikes Geschirr, edle Kochutensilien oder bunte Gewürze füllen die Küche mit Leben und ergeben wunderbar dekorative Arrangements. Wer alles in Schränken versteckt, kann überdies schnell den Überblick verlieren. Offenheit fordert zwar Aufmerksamkeit, regt aber auch dazu an, mal wieder den Wok oder die angestaubte Popcorn-Maschine zu benutzen oder mit den exotischen Gewürzen zu kochen, die sonst in dunklen Schränken versauern.

Querdenken

Schräge Linien, unerwartete Formen und schiefe Ebenen bilden schöne Kontraste zu den überall vorherrschenden rechten Winkeln. Vor allem Strömungen wie Moderne, Kubismus oder Surrealismus, die in die Zukunft gerichtet sind, versuchen neue Formen und Denkweisen anzuregen. Frei nach dem Motto form follows fun rückt das spielerische Element in den Vordergrund.
Experimentieren
Lassen Sie beim Einrichten also mal das Kind in Ihnen raus und probieren sich mit unorthodoxen Ideen. Klingt vielleicht unvernünftig, macht aber Spaß und fordert zum Umdenken auf! Einzige Faustregel: Wenn die Wohnung wie eine Szene aus einem Tim Burton Film – denken Sie an „Charlie und die Schokoladenfabrik“ oder „Alice im Wunderland“ – aussieht, sollte man das Ganze vielleicht einen Tick dezenter gestalten.

Alice im Wunderland

Experimentieren…

Bunte Bücher

„Ordnung braucht nur der Dumme, das Genie beherrscht das Chaos.“ Einsteins Ausspruch wird ebenso gerne von unordentlichen Kindern wie von Büchernarren verwendet, um ihre Unordnung zu überspielen. Denn Bücherregale haben, wenn die Bücher nicht gerade nach Farbe geordnet sind, eine immanente Unordnung. Unterschiedliche Formate, Farben und Schrifttypen lassen Bücherregale kleinteilig und unruhig wirken.

Doch die Zeit der Muße wird niemals gradlinig verbracht, und auch die Muse küsst einen eher im kreativen Chaos: Leselust kommt beim Stöbern, Eingebungen geschehen immer dann, wenn man sie nicht erwartet. Darum darf – nein muss! – ein Bücherregal, ob mit Büchern über Chaosforschung oder nicht, seine Unordnung behalten dürfen.

Schmetterlingseffekt

Ein bekanntes Motiv der Chaosforschung ist der Schmetterlingseffekt. Er besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen kann. Soll heißen: Schon kleinste Abweichungen können schwerwiegende Konsequenzen haben, die nicht oder nur sehr schwer vorhersagbar sind. Die Schmetterlinge wissen davon natürlich nichts. Ihre zarten Flügel sind allerdings eine Augenweide, welche die Fantasie vor allen von Kindern ungemein anregen können. Mut zur Unruhe, zu bunten Farben und spielerischen Formen kann sich lohnen. Wer weiß, welcher Sturm an Kreativität sich daraus entwickelt…

Fraktale Strukturen und Texturen

Überhaupt ist die Natur keineswegs so ungeplant und chaotisch, wie manch einer glaubt. Wolken und Wirbelstürme, Bäume und Äste – die Strukturen wiederholen sich in einem großen Ganzen und erzeugen sogenannte Selbstähnlichkeit. Neben der Verzweigung von Bäumen, die sich immer in ähnlichen Verhältnissen verästeln, ist der Romanesco, eine italienische Blumenkohlzüchtung, ein beeindruckendes Beispiel. Diese fraktalen Muster haben bei aller Unruhe eine spezielle und sehr ansehnliche Ästhetik, die uns inspirieren kann.
Auch Wellenformen, Meeresbrandung und Wasserstrudel wirken nur im ersten Moment chaotisch. Das Gesamtbild ist fließend und organisch. Kein aufwühlendes, sondern vielmehr ein beruhigendes Gefühl macht sich breit, wenn man vor diesem Hintergrund in der Badewanne entspannt. Vergessen Sie bei der Raumgestaltung also die abwechslungsreichen Texturen nicht! Die klassische Raufasertapete ist zwar nicht halb so schön, folgt aber letztlich dem gleichen Prinzip der Unordnung…

Naturmuster

Für Ordnungsfanatiker – und Menschen mit obsessiven Zwangsstörungen à la Jack Nicholson aus „Besser geht’s nicht“ – wäre dieses Bad der blanke Horror. Statt weißer Kacheln herrscht hier das verschlungene Muster des Marmors vor. Das gibt diesem Bad eine gewachsene, fast organische Anmutung. Allein der Gedanke, vor welch langer Zeit die Formen entstanden sind, ist positiv beunruhigend. Weiterer Vorteil für Putzmuffel: Wasserspritzer und Kalkablagerungen sind hier schwerer zu entdecken.

Natur versus Mensch

Am Ende ist es auch ein bisschen Kampf zwischen der wuchernden Natur und dem vernünftigen, ordnenden Menschen. Doch natürliche Muster gehorchen ganz eigenen Gesetzen, die keinesfalls in Chaos enden. Man braucht nicht in die Esoterik abdriften, um die beruhigende Wirkung der Natur nachvollziehen zu können.

Fazit:

Die „Chaostheorie“ ist, anders als man meinen könnte, keine Theorie vom Chaos. Theorie und Chaos ist im Grunde ein Widerspruch in sich. Chaos ist ein Zustand, der keinen erkennbaren Regeln folgt, in dem sich kein Muster erkennen lässt. Könnte man diesen Zustand mit einer Theorie beschreiben oder gar berechnen, wäre es kein Chaos mehr. Deshalb ist das totale Chaos für die „Chaosforschung“ eigentlich uninteressant – sie interessiert sich vielmehr für die Ordnung im vermeintlichen Chaos oder eben auch vom Übergang von Ordnung zu Chaos.

Haben Sie Mut zu organischen, spielerischen Formen und Ordnungen, lassen Sie die Unordnung auch mal in Ihre Wohnung einbrechen, statt sie einzukerkern. Das regt den Ordnungsfreund vielleicht auf. Den Geist aber ganz sicher an.