Und was machen Sie so, allein zu Hause?

Nutella-Orgien, Luftgitarren-Konzerte, Arien unter der Dusche, tierische Gespräche: Was wäre, wenn mich jetzt jemand sieht?

Das frage ich mich, wenn ich daheim im schlimmsten Schlabberlook herumschlurfe (jetzt bloß nicht dem Postboten öffnen!) Man hat ja immer das Gefühl, man wäre der Einzige, der sich ab und an gehen ließe, wenn er allein ist und denkt: Alle anderen lernen Chinesisch, laufen Marathon oder machen ihre Steuererklärung. Ist aber gar nicht so.
Könnten wir Mäuschen spielen, wir würden Wunderbares sehen. Seltsames auch. Zum Glück haben uns die Menschen bei unserer Umfrage ihre Marotten verraten – jetzt fühle ich mich nicht mehr so alleine damit. Und Sie sich hoffentlich auch nicht.

Wir haben die Leute nach seltsamen Gewohnheiten gefragt; nach all den Dingen, die sie nur machen, wenn keiner zuschaut. Fünf große Kategorien kann man erkennen in dem, was Menschen so tun, wenn sie alleine sind.

1. Mit Tieren & Pflanzen sprechen

„Ich spreche den ganzen Tag mit meinen Hunden, wenn ich alleine bin. Sie antworten nicht, aber sie sind wirklich tolle Zuhörer!“, sagt Sabine. Da ist sie bei weitem nicht die einzige. Viele weitere gaben zu, dass sie gern und viel mit ihren Haustieren reden. Manche sprechen auch mit ihren Pflanzen.

Warum tun wir das, wo wir doch keine Antwort bekommen? „Tiere sind, wie wir Menschen, soziale Wesen. Wenn wir unserem geliebten Vierbeiner von unseren Sorgen erzählen und er sich liebevoll an uns kuschelt, haben wir das Gefühl, verstanden und akzeptiert zu werden“, erklären die Psychologen. Aber es gibt noch einen weiteren Grund: „Manchmal tut es gut, die eigenen Gedanken einfach laut auszusprechen, weil wir diese dann eher verarbeiten – so, als wären es die Gedanken von jemand anderem“. Wir können auf diesem Weg also neue Einsichten erlangen. Kann es einen besseren Grund geben, mit einem Goldfisch zu sprechen?

2. Die guten Manieren vergessen

„Ich trinke Milch direkt aus der Flasche und beiße einfach vom großen Käsestück ab, statt mir etwas abzuschneiden“, gesteht Melanie. Mikel isst Nutella direkt aus dem Glas, Eiscreme aus der Packung – und behält das ganze Wochenende seinen Schlafanzug an.

Ludwig macht, was wir als Kinder schon immer wollten, aber nie durften: „Ich lecke meinen Teller ab! Ich muss aber eigentlich gar nicht warten, bis ich alleine bin, weil mein Partner das auch macht. Es würde doch den Koch beleidigen, wenn ich es nicht mache! Rede ich mir jedenfalls ein.“

Warum nur lassen wir uns so gehen und vergessen unsere Manieren? „Es macht total Sinn, dass wir uns zuhause nach einem stressigen Tag nachlässig anziehen oder essen wie wir wollen,“ sagen die Psychologen. „Denn wenn wir uns den ganzen Tag so verhalten, wie es von uns erwartet wird, brauchen wir auch Momente, in denen wir uns einfach so verhalten können wie wir wollen.“ Oft kommt der Druck dabei eher von uns selbst: in einer Art vorauseilendem Gehorsam ordnen wir uns dem unter, was andere vermeintlich von uns erwarten (umso schöner, wenn wir dem dennoch entfliehen können).

Beruhigend: es trifft selbst die Fleißigsten unter uns. „Mein Gehirn ist eigentlich immer am Arbeiten, wenn ich daheim bin, lese ich, lerne, mache Notizen oder recherchiere“, sagt Stefan. „Aber natürlich mache ich all das ganz konsequent … im Schlafanzug!“

Kulinarischen Gelüsten frönen

Nutella direkt aus dem Glas löffeln, Chips futtern, den Teller ablecken – interessant, dass viele unserer nachlässigen Heimlichkeiten mit Essen zu tun haben, oder? Und zwar weniger mit einem großen Fünf-Gänge-Menü als mit dem unmittelbaren Genuss, Junk Food oder ganz einfachen Dingen.
Solche Gelüste haben wir alle, auch wenn wir uns noch so bewusst ernähren. Essen hat viel mit Wohlfühlen zu tun. Manchmal ist eine Kindheitserinnerung damit verbunden, manchmal ist es schiere diebische Freude (als hätte man heimlich Süßigkeiten stibitzt).

4. Singen, Tanzen, Luftgitarre spielen

„Um mich nach einem stressigen Tag zu entspannen, höre ich abends Vivaldi in der Küche und imitiere, dass ich dazu die erste Geige mit meiner Luft-Violine spiele … das entspannt mich ungemein!“, erzählte Heiner.

Unzählige Studien aus aller Welt, untersuchen die Zusammenhänge zwischen Musik, Gesundheit und Entspannung. Es scheint, dass Musik den Stresshormon-Spiegel senken kann (Bach war dabei übrigens wirksamer als Abba, jedenfalls in einer Studie von Hans Joachim Trappe, Direktor Kardiologie u. Angiologie am Universitätsklinikum Bochum). Einige Studien weisen sogar darauf hin, dass Musik das Immunsystem stärken kann – sofern man selbst singt.

Intuitiv scheinen wir das zu wissen – daheim wird gesungen, was das Zeug hält. „Meine Nachbarn tun mir wirklich leid, weil ich immer so tue als wäre ich Beyoncé, wenn ich alleine bin“, sagt Heidi.

Singen, Tanzen, Musizieren ist Ausdruck purer Lebensfreude; ohne Musik ist die Menschheit nichts. Trotzdem machen viele von uns das alles lieber heimlich. Zum einen glaubt fast jeder, er könne nicht singen. Zum anderen denken wir, man mache das nicht einfach so in der Öffentlichkeit. Aber finden wir es nicht immer unglaublich charmant, wenn es doch einmal jemand tut, ganz selbstvergessen? (Da war er wieder, der vorauseilende Gehorsam)

5. Sachen sortieren

Während die meisten von uns wirklich Mühe haben, immer alles aufzuräumen und Ordnung zu halten, gibt es andere, die liebend gerne ihre Freizeit damit füllen. Es gibt Menschen, die sortieren ihre Socken oder richten ihre Stifte parallel aus. Nicht alle tun das heimlich – aber Vielen scheinen ihre Ordnungsticks etwas peinlich.

Oliver zum Beispiel liebt es, Dinge aufzuräumen – und macht dafür erst mal Unordnung: „Wenn ich ausnahmsweise mal einen freien Samstagmorgen habe, gibt es nichts Schöneres für mich, als meine ganzen Bastelmaterialien auszukippen und dann alles wieder ordentlich in die Kiste zu sortieren.“ Und Beate hebt Ordnung auf ein neues Level: „Wenn ich Wäsche aufhänge und ein Kleidungsstück zwei Klammern braucht (…), müssen sie dieselbe Farbe haben – sonst werde’ ich unruhig!”

Klare Sache sagen die Psychologen: „Warum wir gerne Kleidung nach Farbe sortieren oder unsere Bücher nach Genres ins Regal stellen, hat den gleichen Grund, weshalb wir gerne To-Do-Listen abhaken: Bei all dem stressigen Chaos, das viele von uns täglich erleben, sind wir froh, wenn wir eine Sache ordentlich erledigen und abhaken können. Das gibt uns das Gefühl, dass wir zumindest in diesem Bereich in unserem Leben Ordnung schaffen können.”

5. Eigenwillige Dinge tun

Und dann, der letzte von den „Big Five“, gibt es noch schräge Angewohnheiten ganz anderer Art. Woher sie kommen, was sie bedeuten – das ist völlig ungeklärt. Andreas macht auf dem Weg zum Balkon immer eine Hechtrolle übers Bett. Susanne muss jede Zimmertür schließen, wenn sie allein daheim ist, damit sie sich sicher fühlt. Andere müssen sich, wenn sie an einem Spiegel vorbeigehen immer selbst angrinsen und können nicht wegschauen.

Doch die Frage nach dem „Warum“ ist letztlich auch gar nicht so wichtig (so lange unsere Macken uns nicht beeinträchtigen). Daheim sind wir, wie wir sein wollen. Und das ist das Einzige, was zählt.

Normal ist langweilig. Deshalb liebe ich Geschichten über Menschen, die kleine Macken oder Zwänge haben. Der Investmentbanker zum Beispiel, der sein Penthouse erst verlassen kann, wenn alle Teppichfasern in dieselbe Richtung zeigen. Oder der Frühpensionär, der es nicht ertragen kann, wenn in seinem Portemonnaie der Fünfeuroschein nicht vor, sondern hinter dem Zehner liegt und sein kleines Stück Rasen mit der Schere auf Kante schneidet.

Abschließend noch ein paar Zitate:

Ich lese beim Essen und manchmal esse ich auch beim Lesen. Beides tue ich nur, wenn ich alleine bin.

Mangels Hundes bleibt mir, wenn ich alleine bin, nur die Kommunikation mit den pflanzlichen Hausgesellen. Sie sind einerseits wesentlich ruhiger bzw. "devoter" als ein Hund, in ihren Reaktionen allerdings viel schwerer einzuschätzen, weil sie sich nur äußern, indem sie entweder still vergnügt vor sich hin wuchern, prachtvoll blühen oder einfach eingehen, was zu Forschungsbedarf über die Ursachen führt. Aber die Natur ist halt grausam und lässt ihren Gärtner oft hilflos zurück.

Ich bin baff... gibt es beim Nutella-Essen eine andere Variante als direkt aus dem Glas?! Ein Freund sortiert zur Entspannung Waschpulver-Kügelchen nach Farben. Das kann ich beim besten Willen nicht mit meinen schnöden Eigengesprächen toppen!

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